Der Hafen der Kulturhauptstadt nannte sich Duisburg im vergangenen Jahr gerne. Und in der Tat, Duisburg legte sich kräftig ins Zeug, um ein würdiger Hafen der Ruhr.2010 zu sein. Doch dann passierte das Unerwartete, das Schreckliche: 21 junge Menschen starben, mehr als 500 Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Seitdem lag und liegt ein Schock über dieser Stadt, der sie teilweise bis zum heutigen Tage lähmt.
Duisburg hat viele gute, positive Seiten. In Duisburg tut sich einiges, manches nur in kleinen Schritten, aber das ist auch gut so, denn so kann es eine stetige Entwicklung geben. So dachten auch viele Kreative oder "kleine" Kulturschaffende im weitesten Sinne und fingen an, ihre Ideen in die Tat umzusetzen, oder überhaupt erst nach Duisburg zu kommen, um an diesem Prozess teilzunehmen.
Das geschah auch mancherorts, so zum Beispiel in Ruhrort, dem Kreativquartier der Stadt. Doch nicht nur dort, auch in der Innenstadt gab es so manch zartes Pflänzchen, das stetig großgezogen werden sollte. Eines davon heißt "Goldengrün". Eine kleine Szenekneipe, die -und das ist schon eher aussergewöhnlich für die "Metropole" Duisburg - jede Nacht bis 5 Uhr geöffnet hat und schnell zum Treffpunkt für Menschen aus den verschiedensten Bereichen wurde. Im Goldengrün werden nicht nur Cocktails zubereitet und serviert, nein, da treffen sich Menschen, um miteinander zu reden, sich auszutauschen, aber auch um einfach nur zu chillen -wie man es heute nennt. Da hatten die Inhaber die großartige Idee, da sie keine Erlaubnis für Live-Musik haben, zwischendurch zur Unterhaltung der Gäste die Musik von DJ´s auflegen zu lassen. Dies führte dazu, den "Laden" noch beliebter werden zu lassen.
Aber es gibt in dieser Stadt nicht nur Kreative und Kulturschaffende, sondern auch sehr viele Bürokraten, die bekanntlich oft ihrem Namen alle Ehre machende Hindernisse schaffen und darüber hinaus ein, besonders seit der oben erwähnten Katastrophe, sehr eifriges Ordnungsamt, das es sich scheinbar zum Ziel gesetzt hat, jede rechtliche Vorschrift bis auf das kleinste Komma zukünftig vollständig erfüllt sehen zu wollen und nicht mehr -wie in der Vergangenheit- auch mal ein wenig Fingerspitzengefühl zu beweisen und -wie man so schön sagt- auch mal Fünfe gerade sein zu lassen. Dabei gebe ich den Ordnungsämtlern vollkommen Recht, so lange es sich um die Überprüfung sicherheitsrelevanter Aspekte handelt, deren Außerachtlassung eine Gefahr für Leib oder Leben eines Dritten bedeuten könnte. Davon kann allerdings keine Rede mehr sein, wenn es darum geht Prinzipien ihr zweifelhaftes Recht zu verschaffen.
Und an dieser Stelle sind wir wieder beim Goldengrün auf der Realschulstraße, dem wurde nämlich nun untersagt, seine Plattenteller von DJ´s drehen zu lassen, denn, so das Ordnungsamt, dabei handele es sich um Live-Musik und dafür habe das Lokal ja schließlich keine Erlaubnis. Formaljuristisch soll diese Begründung übrigens haltbar sein, auch wenn sie sich jeder Logik und jedem normalen Verständnis von Live-Musik entzieht, aber weder kann ich hierin eine Sicherheitsrelevanz erkennen, noch sehe ich das oben erwähnte Fingerspitzengefühl -eher schon den Elefanten im Porzellanladen. Da fällt mir die Frage ein, ob es sich bei der Bedienung einer Jukebox -gibt´s die überhaupt noch?- eventuell auch um Live-Musik handeln könnte. Falls beide Fragen zu bejahen sind, sollte das Ordnungsamt auch hier dringend einschreiten. Karaoke dürfte dann ebenfalls auf die Liste der Verdächtigen gehören...
Doch nun wieder etwas ernster: ich mag Duisburg und lebe sehr gerne hier und werde auch nicht weggehen, aber ich will nicht nur die Philharmoniker, die großen Museen und die sonstige Hochkultur, auch wenn ich sie sehr schätze, sondern ich will in dieser Stadt auch die Chance für die so genannte Subkultur und das endlich das dafür notwendige Fingerspitzengefühl wieder zurückkehrt! Diese Stadt braucht alles, was sie noch lebenswerter und noch liebenswerter macht, sonst wird die Zahl der Bewohner bald weiter rapide sinken.
Zum Abschluss ein Artikel vom heutigen Tage von "wirjetzthier" aus Duisburg Ruhrort. Mit dessen Autor ich heute telefoniert habe und dem ich für seine spontane Bereitschaft danke, den Artikel an dieser Stelle veröffentlichen zu dürfen, auch, wenn ich dem letzten Satz nicht zustimme(°_~):
"Kulturlos in Duisburg – Ein Brief an eine zwanghaft unentspannte Stadt.
Liebes Duisburg, wir müssen reden – jetzt ist Schluss.
Wir sind schon so lange zusammen, haben viel miteinander erlebt, dafür sage ich danke. Ja, du hast recht: Es gab Zeiten, da hast du mir sehr gut getan. Du hast eine echt ordinäre Seite, aber das hat mich noch nie gestört. Mit einer ordentlichen Schnauze am Kopp kann ich umgehen. Ich mochte deine Authentizität, deine Unverstelltheit, deine ungekünstelte Art. Ich hatte das Gefühl, wir könnten gemeinsam etwas aufbauen. Du bist so herrlich unprätentiös gewesen, konntest dich noch über Kleinigkeiten freuen. Ich kannte deine charmanten und zarten Seiten, du bist nicht damit hausieren gegangen.
Dann hast du begonnen, dich zu spreizen und aufzuhübschen, die Dame von Welt zu geben. Okay, warum nicht, hübsche Lady. Aber musstest du dich dafür gleich in den Ruin stürzen? Vielleicht hättest du eines nach dem anderen angehen können, ich hätte dir gerne die Zeit gegeben. Jetzt hast du so viele angefangene Baustellen ohne erkennbaren Fortschritt. Damit wirkst du ein wenig hinfällig.
Nein, schon gut, du siehst okay aus. Das wirklich große Problem ist dein Kontrollwahn, den du seit kurzem an den Tag legst. Du bist so zwanghaft unentspannt, so hysterisch geworden. Früher hatte ich das Gefühl, du lässt mich gewähren, ich kann mich mit dir entfalten. Stattdessen schreitest du nun unerbittlich ein, maßregelst mich fortwährend, engst mich ein. Du verlangst, dass wir die Abende vor dem Fernseher verbringen, und sorgst dafür, dass es langsam auch keine Alternativen mehr gibt. Schützenfeste, Heringsfeste, Weinfeste..... da fühlst du dich wohl, die lässt du durchgehen. Aber das war noch nie mein Ding, das weißt du. Ich mag die kleinen Parties und Clubs, die etwas abseitige Kultur, Live-Musik (was immer man darunter versteht). Diese zarten Pflänzchen zertrittst du rigoros, dabei zieren sie deine spröde Fassade.
Warum kannst du mir meine Nischen nicht lassen?
Ich komme in unserer Beziehung einfach nicht mehr vor, für mich gibt es da nichts.
Duisburg, im Grunde hast du mit mir Schluss gemacht, das verstehe ich jetzt. Du interessierst dich doch schon lange nicht mehr für mich und meine Bedürfnisse. Wir passen einfach nicht mehr zusammen. Du magst keine Szene, du magst keine Kinder (und ehrlich gesagt hatte ich schon länger Bedenken, sie in deiner Obhut aufwachsen zu lassen).
Du bist die Stadt des Checkers, der Checker-Fans – und du willst auch nichts anderes sein. Nimm´s mir nicht übel, aber ich habe mich ein wenig umgesehen. Andere Bürgermeister haben auch schöne Städte. Ich werde woanders glücklich, und du wirst mich nicht einmal vermissen."




Olaf Reifegerste
31.08.2011 19:09Frank M. Fischer, wer kennt ihn nicht - Journalist, Blogger, Fotograf und Filmer -, ist überall ... im entscheidenden Augenblick zur Stelle. Hier hat er heute diesen eindringlichen Kommentar gepostet. Deshalb gehört dieser auch auf die Internetseite www.facebook.com/kreativquartier. Dank sei ihm!
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