Nach Joaquin Clerch trat bei unserem Opern-Air-Sommer-Night-Prom Lucia Aliberti auf die Bühne. Spezialisiert hat sich die Sopranistin auf Rollen aus dem Belcanto-Fach. So waren an diesem Abend unter anderem Arien von Bellini, Verdi und Puccini zu hören. Verdis neunte Oper Attila hat eine interessante Geschichte. Der Stoff basiert auf einem Theaterstück von Zacharias Werner. Verdi fand, dass dies ein idealer Opernstoff wäre und schickte an den Librettisten Franceso Maria Piave einen Entwurf mit Vorschlägen wie man den Stoff für die Oper noch ändern könnte. Allerdings – Piave war für das Libretto von “Alzira” verantwortlich – ein Misserfolg. So disponierte Verdi für “Attila” um und nahm Kontakt zu seinem Librettisten Solera auf, der unter anderem an “Nabucco” gearbeitet hatte. Dieser machte sich dann an die Arbeit, doch den letzten Akt ließ er der Liebe wegen liegen. Denn seine Frau, die Sängerin Teresa Rosmina, war kontraktbrüchig an der Scala geworden und die Eheleute zogen deswegen nach Madrid. Ironie des Ganzen: Für den letzten Akt wandte sich Verdi wieder an Piave. Zwar bezeichnete Solera den letzten Akt als eine “Parodie”, gab er dem Ganzen seinen Segen.
Lucia Aliberti sang als erstes in unserem Konzert die Auftrittsarie der Odabella aus dem Prolog der Oper. Rachegedanken beherrschen sie, denn Attila hat ihren Vater ermorden lassen. Kampfeslust und Wut hat Verdi in dieses Stück gelegt. Italienische Frauen, so der Tenor des Ganzen, werden sich nicht vor Attila ducken sondern gegen ihn angehen. Eine Paraderolle für Lucia Aliberti.
Mehr noch die bekannteste Arie aus Bellinis “Norma” – “Casta Diva”. Während unser Orchester die Ouvertüre spielte, sang Lucia Aliberti diese Arie, in der die Seherin Norma im ersten Akt der Oper die gallische Göttin Irminsul um ein Zeichen bittet. Die Gallier brauchen nämlich ein solches um gegen die Römer zu kämpfen – aber Norma wird ihnen sagen, dass die Göttin dies zumindest jetzt noch nicht will. Es ist eine seelenvolle Arie, die Bellini hier komponiert hat. Die Hauptmelodie wird von der Flöte vorweggenommen – ein Hauch von Nachtruhe strömt aus dem Orchester und Normas Gesangsmelodie hält sich auch überwiegend an diese traumhafte Atmosphäre. Ein Schimmer des Göttlichen und eine Paraderolle für Lucia Aliberti.
“Raggio d’amore” – eine Eigenkomposition von dem Belcanto-Star stand dann auf dem Programm. Ein Stück im Stil des klassischen Belcanto gehalten und ebenso eingängig und leicht wie die Werke, die bisher auf dem Programm standen. So wie nochmal Bellini. Zwei Monate komponierte er an “La sonnambula”, der Schlafwandlerin. Das Finale dieser Oper ist wahrlich schwindelerregend – denn die Sängerin, die die Rolle der Amina singt sollte eigentlich schlafwandlerisch auf dem Dach eines Hauses balancieren und gleichzeitig dem von ihr angebeteten Bauern Elvino die Liebe erklären. Lucia Aliberti blieb bei unsererem Konzert jedoch auf festem Boden, die Schlussarie der Amina, in der sie ihr Glück besingt brachte unser Konzert dem Finale entgegen.
Wobei: Puccinis “Mio babbino caro” aus Gianni Schicchi und das Vilja-Lied gab es als Zugabe. Die Herzen der Zuschauer eroberte unser Gaststar dann durch die zweimalige Aufführung des Trinklieds aus Verdis “La Traviata” – mit singender Unterstützung von Hendrik Vestmann – bevor dann als letztes Stück unser Orchester das Hauptthema aus “Fluch der Karibik” zum Leuchtfeuer des Feuerwerks darbot.
Von Christoph Müller-Girod



