Oft bevorzugen wir Menschen ein schnelles Urteil. Das ist ein Urinstinkt. So ein schnelles Urteil war einmal verdammt hilfreich, um jene einzige Entscheidung zu treffen, die nötig war, um nicht der nächsten Raubkatze das Tagesmahl abzugeben. Andererseits ist das Leben seitdem ein wenig komplizierter geworden, heute heißt das nicht mehr bei dem einen deutlich erkennbaren Signal zu flüchten, sondern eigene Hoffnungen für die Zukunft, abgeschätzte Möglichkeiten zur Verwirklichung der Hoffnungen und die Bewertungen von vielen anderen Menschen zur Situation im Besonderen und dem Leben im Allgemeinen zueinander in Bezug zu setzen. Deshalb kann es schon mal sein, dass ein Änis Ben-Hatira an dem einen Tag nicht glaubt, eine ganze Saison beim Zweitliga-Verein MSV Duisburg passten zu seinen hochfliegenden Zukunftsplänene und er am nächsten Tag denkt, es könne ihn vielleicht doch weiterbringen in der Zweiten Liga mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Spielzeit zu erhalten als in irgendeinem Verein der Ersten Liga. Er steht also vor der Frage, tausche ich eine gewisse Sicherheit gegen ein unkalkurierbares Risiko? Er steht vor der Frage, bin ich gut genug, dieses Risiko auf mich zu nehmen? Er steht vielleicht auch vor der Frage, was macht das für einen Eindruck, wenn ich den scheinbar leichteren Weg in Duisburg gehe als mich der stärkeren Konkurrenz in einem Erstliga-Verein zu stellen? So viele Einflussgrößen bei einer Entscheidung, einem Urteil! In so einem Fall von Entscheidungsstarre ist es immer gut, wenn Einflüsse von außen die Sache voranbringen.
Der Fressfeind als Entscheidungszwang von einst erweist sich heute für Änis Ben-Hatira als die sportliche Führung des MSV Duisburg. Und einmal mehr überzeugt mich die Zusammenarbeit von Peter Neururer und Bruno Hübner – in diesem Fall im Umgang mit der Personalie Änis Ben-Hatira. Es ist ihr Zusammenspiel, das einem Menschen wie Änis Ben-Hatira Orientierung bietet und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen braucht er nie zu grübeln, was für Menschen Peter Neururer und Bruno Hübner sind und welche Motive sie bewegen. Er wird anhand des Ultimatums von Peter Neururer sofort erkennen, das ist der harte Hund, der um meine Fähigkeiten weiß, der mir aber auch Grenzen setzt. Peter Neururer gibt den „bösen Cop“ als Teil der sportlichen Leitung. Änis Ben-Hatira kann aber gleichzeitig erkennen, bei Bruno Hübner findet er Verständnis und Zuwendung. Er steht für die Nestwärme und die Heimat. Bruno Hübner gibt den guten Cop. So kann Änis Ben-Hatira über die Menschen der sportlichen Leitung schnelle Urteile fällen, weil sie die Interessenlagen des MSV Duisburg in der komplexen Entscheidungssituation unter sich aufteilen. Gleichzeitig geben aber beide zusammen Änis Ben-Hatira die notwendige Orientierung, sein Urteil über die Zukunft beim MSV zu fällen.
Peter Neururer und Bruno Hübner ergänzen sich in ihrer Arbeit perfekt. Das steht nicht im Widerspruch zu den Distanzierungen Peter Neururers, die es ja auch gegeben hat. Manchmal gibt es auch in einem gut zusammen arbeitenden Team Dinge, die nicht jeder tragen will. Ich merke, das wird mir hier angesichts so häufiger heftiger Kritik an Bruno Hübner zu einer kleinen Solidaritätsadresse für ihn. Wenn ich lese, wie er im RevierSport-Interview seine Arbeit erklärt, sehe ich planvolles Handeln und nachvollziehbare Gründe für seine Aktivitäten. Die Grenzen, in denen er arbeitet, hat er nicht zu verantworten. Deshalb kann es eigentlich nur heißen, lasst Bruno Hübner mit der Presse sprechen, dann verstehen wir, was beim MSV zumindest geschehen soll.

Foto: gabriele Petrick
Ben-Hatira weiß nichts, doch ihm wird geholfen
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