Da hat sich am Wochenende ja einiges in NRW nicht getan, worüber dennoch schon vorher mit eindrucksvollen Worten im tagesaktuellen Medienauswurf berichtet wurde. Wann soll man eigentlich glauben, was in diesen Medien erzählt wird? Was ist sachliche Information über ein mögliches Geschehen, und wann verkleidet sich das aufgeregte Gefühl von Journalisten einem sensationellen und den Alltag durchbrechenden Ereignis möglicherweise beiwohnen zu dürfen in der vermeintlich zur umfassenden Information notwendigen Frage nach den zu erwartenden Gefahren?
Was soll man glauben, wenn Bernd Bemmann in der Rheinischen Post die Veränderungen beim MSV Duisburg kurz vor und in der Winterpause als Vorboten von Unheil zu deuten beginnt und seinen Artikel mit der bedeutungsschwangeren Frage beendet: „Was kommt wohl noch?“ In der Summe und ohne einordnende Worte beschleicht einen beim Anblick der Veränderungen vielleicht ein komisches Gefühl. Doch für jede einzelne der von Bernd Bemmann aufgelisteten Veränderungen gibt es zufrieden stellende Erklärungen. Das wäre Alltag. Man kann aber sogar den Wechsel des Pressesprechers als ein Zeichen für Irgendwas deuten. Für Bernd Bemmann mag dieser Wechsel ein schlechtes Omen sein, mir gibt dieser Wechsel allerdings die Hoffnung auf eine Erreichbarkeit und erste Antwortbereitschaft der Presseabteilung, die in anderen Vereinen selbstverständlich ist. Oder man kann Chinedu Edes Weggang nach Berlin als Zeichen für Ungemach deuten, obwohl von Vereinsseite vorher bereits an ein Ausleihgeschäft gedacht wurde.
Ist Bernd Bemmanns Artikel nun nur der Versuch einer feinsinnigeren Variante der Holzhammer-Bild-Worte? Dort wird ja gemunkelt, unter Sasic verlieren die Spieler des MSV Duisburg den Spaß am Fußball. Gibt es für diese Angstlust vor der nahenden Katastrophe wirklich Gründe in der Gegenwart? Chavdar Yankovs Meinung zum Trainer einzuholen scheint mir ebenso erhellend zu sein wie den Ex-Frauen von Lothar Matthäus beim Erzählen über dessen wahren Charakter zuzuhören. Schließlich berichten auch diese ins Trainingslager nach Belek mitgereisten Fans im MSVportal von der gelösten Stimmung beim dortigen Training, andererseits wiederum passt der Kommentar Nr. 10 dieses Augenzeugens unter dem Artikel von Dirk Retzlaff bei Der Westen wiederum mehr zu dem, was von den Journalisten ausgemacht wurde.
In besagtem Artikel wirkt Dirk Retzlaff zudem sorgenvoll, wenn er von Björn Schlickes Abwahl als Mannschaftskapitän berichtet. In dem Fall, so glaube ich, sorgt er sich an falscher Stelle. Für Milan Sasic hat sich mit der Wahl Tom Starkes zum Mannschaftskapitän das Problem entschäft, den Mannschaftskapitän möglicherweise nicht spielen lassen zu können. Björn Schlicke spielte in dieser Saison nicht so viel besser als seine Konkurrenten um den Platz in der Innenverteidigung, und es ist eine offene Frage, wie diese Innenverteidigung besetzt sein wird, wenn alle verletzten Abwehrspieler wieder gesund sind.
So wird man als Zeitungsleser schnell ratlos angesichts der angeführten Belege für den sorgenvoll Blick in die Zukunft. Das reicht mir nicht für Sorgen, und dennoch gelingt es mir nicht, mich darauf zu verlassen, dass die Stimmung in der Mannschaft schon in Ordnung ist. Das hat mit der Persönlichkeit von Milan Sasic zu tun. Denn wenn das Geschehen in der Mannschaft gedeutet werden soll, dann müsste über die Art und Weise geredet werden, wie Milan Sasic diese Veränderungen moderiert. Ich muss zugeben, was von seiner Art Konflikte zu lösen nach draußen dringt, stimmt mich unruhig. Denn ich vermute, ein Trainer wie er braucht den Erfolg zum Überleben mehr als ein Trainer mit anderen Konfliktlösungsstrategien. Natürlich bewege auch ich mich nun längst nicht mehr auf dem Boden von Fakten, sondern erzähle von Stimmungen und Gefühlen. Mit dem Unterschied gegenüber den Journalisten, dass ich das benenne. Aber vielleicht ist diese von mir vermutete besondere Notwendigkeit des Erfolgs zugleich ja Milan Sasics Schlüssel zum selben.
Und da ich jetzt die ganze Zeit über Deutungen geschrieben habe: Der Gegner vom nächsten Sonntag, der FSV Frankfurt, deutet das 1:1-Unentschieden im Freundschaftsspiel gegen Hertha BSC Berlin als gelungenen Test, und im Kölner Stadt-Anzeiger wird von der Sportredaktion das Interesse der Leser am Unterhaltungskünstler Ailton als noch vorhanden gedeutet. In einer Kurzmeldung wird dessen pünktliches Erscheinen zum Trainingsauftakt des KFC Uerdingen angemerkt. Dass er im Moment aber überhaupt nicht Fußball spielen kann, interessierte dabei schon nicht mehr.



