Wenn eine Mannschaft drei Spieltage vor Ende der Saison im Rahmen ihrer bis dahin gesehenen spielerischen Möglichkeiten bleibt, muss uns eine Niederlage dieser Mannschaft nicht die Laune verderben. Gerade jetzt, wo es um nichts geht, haben wir Zuschauer es selbst ganz in der Hand, wie wir uns nach dem 3:2-Sieg des SC Paderborn beim MSV Duisburg fühlen.
Die Begegnung zwischen dem MSV Duisburg und dem SC Paderborn entsprach eben dem Verlauf vieler Zweitligaspiele. Der MSV Duisburg hätte auch gewinnen können. Der SC Paderborn wollte in der ersten halben Stunde nicht unbedingt mitspielen. Die Mannschaft wollte Tore verhindern. Das gelang. Und ebenso kann in der Zweiten Liga jede Mannschaft aus dem Nichts heraus ein Tor erzielen. Auch das gelang. Wenn in der zweiten Halbzeit bei größerem, vergeblichen Druck des MSV Duisburg ein Konter die erneute Führung des SC Paderborn brachte, so kennen wir das aus dieser Saison ebenfalls oft genug. Fällt trotz größeren Drucks kein Tor, wächst minütlich die Gefahr zu verlieren.
Versuchen wir uns deshalb in Lebenskunst und halten uns an alte Sinnsprüche in der Art, nicht die Fakten bestimmen unser Fühlen sondern deren Bewertung. Das heißt keineswegs, schlechte Gefühle dürfen nicht sein. Ich habe mich im Spiel geärgert – über die Tore des SC Paderborn und hohe Langfeldpässe auf zu kleine Mitspieler. Ich fand es zudem unerträglich, wie sich Paderborns Spieler in die Tradition naturwissenschaftlicher Scharlanterie stellten und uns mit dem übernatürlichen Phänomen des Magnetismus zwischen gestürzten Menschen und Rasenflächen verblüffen wollten. Ich freute mich aber auch mit den Freunden am doppelten Sahan. Auf den ersten Blick sehen sich Burakcan Kunt und Olcay Sahan sehr ähnlich. Ich muss sie mir mal beim Training von nahem ansehen, vielleicht hat das ja Verwirrungspotential beim Gegner. Denn auch wenn zudem manche ihrer Bewegungen im Spiel ähnlich wirken, so sucht Burakcan Kunt häufiger den Körperkontakt als Sahan. Sein Ehrgeiz und Durchsetzungswille brachte ihn sogar in die Gefahr, eine gelb-rote Karte zu erhalten. So etwas wird sich hoffentlich nach ein paar Zweitliga-Spielen gelegt haben. Es erinnert aber auch daran, jung und hungrig ist ebenfalls erst einmal ein Versprechen. Wer allerdings in jungen Jahren schon zum Idol eines Fanclubs wird, lässt mich sofort hoffen, dass es nicht nur bei Versprechungen bleibt. Wir Menschen sind schon lustige Wesen, die alleine deshalb zuversichtlicher sein können, weil auch andere Menschen an etwas glauben. Darüber hinaus bin ich natürlich neugierig, was da wohl hintersteht, hinter so einem Fanclub.
Maurice Exslager ist schon dabei, einen Teil des Versprechens einzulösen. Zur Halbzeit eingewechselt nimmt er fünf Minuten später einen steilen Pass ins Sturmzentrum wunderbar auf, spielt noch einen Gegenspieler aus und behält alleine auf den Torwart zulaufend die Ruhe, den Ball sicher ins linke untere Eck zu schieben. Begeisterter als über das Tor war ich über seine Freude. Dafür hat sich dieser Stadionbesuch gelohnt. Wir können uns durch solch eine ungebrochene Freude an das Beste in uns erinnern lassen. Er ließ uns Teil haben an seinem reinem Glück. In dieser Freude, und ich schreibe bewusst nicht “in diesem Jubel”, zeigt sich natürlich sein Alter, viel mehr aber steckt darin noch die Distanz zum Unterhaltungsbetrieb Fußball. In seiner Freude schwangen, wenn überhaupt, nur wenige Gedanke an Zuschauer mit. Irgendwo in der Ecke, links von der KöPi-Tribüne saßen Familie, Verwandte, Bekannte wer auch immer. Mit ihnen wollte er seine Freude über das Erreichen eigener Ziele teilen. Dorthin, in die Ecke folgte ihm die Mannschaft zur Gratulation. Für einen Moment war Maurice Exslager in dieser Fußball-Arena selbstvergessen. Solche Momente sind selten geworden im Fußball der Gegenwart.
Lohnen sich weitere, detailliertere Worte über das Spiel? Zwei Tage danach? Wen interessiert es noch, ob Caiuby zum Ende des Spiels kaum mehr einen Ball sofort unter Kontrolle brachte. Wen interessiert, dass die Verteidigung immer dumm aussieht, wenn der Ball im Mittelfeld bei der Vorwärtsbewegung verloren wird? Wenn interessiert, ob Dario Vidosic seine Aussichten auf die Teilnahme an der Fußball-WM verbessert hat. Durch ein einziges Tor? Das Ende der Saison ist dringend nötig. Der Mannschaft des MSV Duisburg geht es wie den meisten Menschen zum Ende eines Jahres hin. Da wird nichts Neues mehr angepackt. Was ansteht, wird zwar erledigt, doch mit den Gedanken sind alle schon bei den Feiertagen. Mit neuem Schwung im neuen Jahr. Milan Sasic fasst das für den MSV Duisburg in ein bekanntes, an alte Zeiten erinnerndes Bild: “Wir brauchen frisches Blut“. Ich bin gespannt, wo die Blutkonserven nun gefunden werden. Bis dahin werde ich mich auch nächste Woche darin üben, nach dem Stadionbesuch mir meine gute Laune nicht beeinträchtigen zu lassen. Denn das hier ist doch nur eine dauerhafte Möglichkeit, wenn wir Figuren in einer deutschen Komödie der 60er Jahre wären:



