Da sahen wir sie also am Freitagabend in Duisburg, die erste Heimniederlage in dieser Saison. Mit der Bewertung dieser 1:3-Heimniederlage des MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt könnte gut ein aussagekräftiger Persönlichkeitstest durchgeführt werden. Ein qualitatives Interview mit Zuschauern des Spiels gemacht und schon weiß man, ob dieser Zuschauer dem Leben eher eine optimistische oder pessimistische Grundhaltung entgegenbringt. Diese Niederlage schreit nämlich durch ihr Zustandekommen danach, gedeutet zu werden. Was heißt es, dass dem MSV Duisburg trotz großen Einsatzes und vieler Chancen auf ein Tor, kein Unentschieden gelang? Dieses Unentschieden wäre gerecht gewesen. Ich selbst sehe mich da eher auf der optimistischen Seite, kann aber auch sofort die Haken benennen, an denen sich pessimistisch veranlagte Menschen verfangen können.
Fangen wir mit der Einstellung dieser Mannschaft an, die mich begeistert. Die Tabelle der 2. Liga führen sieben Mannschaften nahezu punktgleich an. Wir sehen in dieser Saison gleich fünf Mannschaften, die mit jener schnellen Spielweise der Aufsteiger der letzten Saison erfolgreich sind. Die Bedeutung der Psyche und der sich daraus ergebenden Einstellung wird deshalb für den Erfolg in der Rückrunde mit jedem Spieltag wichtiger. Der MSV Duisburg hat am Freitag auch nach dem dritten Tor der Frankfurter in der 85. Minute sein Spiel nicht aufgegeben. Dieses Tor fiel in einem Moment, als der Ausgleich immer wieder möglich schien. Es fiel nach einem missratenen Abwurf von David Yelldell, der das Spiel schnell eröffnen wollte. Es wäre nicht überraschend gewesen, wenn die Enttäuschung über dieses Tor den Schwung des MSV Duisburg unterbunden hätte. Dem war nicht so. Auf den Zuschauerrängen hat es in Teilen die Enttäuschung gegeben. Auf dem Spielfeld wurde vom MSV Duisburg weiter angegriffen. Auf dem Spielfeld blieb die Energie der Mannschaft erhalten. Sie blieb nicht nur erhalten, sie wurde in konstruktive Angriffszüge umgesetzt. Die Mannschaft fiel nicht auseinander, da gab es keine verzweifelten Einzelaktionen. Das ist so ein deutliches Zeichen für die Substanz dieser Mannschaft, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt, als optimistisch zu sein und immer wieder auch auf das Unaussprechliche zu schielen.
Wenn ich etwa an die elf, zwölf Minuten nach der 1:0-Führung denke, entstand der Eindruck, der MSV Duisburg beginnt sich in einen Rausch hineinzuspielen. Da rollte ein Angriff nach dem anderen auf das Tor des FSV Frankfurt zu, und die Frankfurter hatten dem nichts entgegen zu setzen. Jede Angriffsbemühung des Gegners wurde durch einen Duisburger Spieler schon kurz hinter der Mittellinie abgefangen. Da wurde mit hohem Laufeinsatz versucht, das zweite Tor sofort nachzulegen. Zwei große Chancen ergaben sich auch daraus. Bleibt eine solch Überlegenheit ohne Torerfolg, wirkt der Rückschlag durch das überraschende Gegentor ernüchternd. Wir wissen, dass es so kam. Björn Schlicke fällt der Ball im Strafraum vor den Fuß und ich erinnere mich noch gut an den Auswärtssieg der letzten Saison gegen den 1. FC Union Berlin, als er aus ähnlicher Situationen noch für den MSV Duisburg sein Tor machte. Das kann er.
Dieses Tor aus dem Nichts gab den Frankfurtern die Sicherheit ihres Spiels aus den ersten Minuten zurück. Von diesen ersten Minuten an war zu sehen, wie gefährlich das Kurzpassspiel der Frankfurter sein konnte. Die erste große Chance des Spiels hatte Sascha Mölders. Ihm gelang nach einer artistischen Flugeinlage ein Pfostenschuss. Der FSV Frankfurt zeigte sich mit Ausnahme der Drangperiode des MSV Duisburg beeindruckend kombinationssicher. So eine konstante Sicherheit im Kurzpassspiel besitzt die Mannschaft des MSV Duisburg im Moment nicht. Der Pessimist wird das als Hinweis auf zukünftige Misserfolge sehen. Der Optimist wird sagen, normalerweise brauchen sie diese Sicherheit nicht, um torgefährlich zu sein. Die Mannschaft kommt durch andere Spielvarianten dennoch zu ihren Torchancen.
Die Ernüchterung des MSV Duisburg hielt nicht lange an, doch die Passsicherheit der Frankfurter ließ ihre Angriffe immer gefährlich werden. Gleichzeitig musste der MSV Duisburg jeweils weit aufrücken, um die geschickt verteidigenden Frankfurter unter Druck zu setzen. Es war erkennbar, da spielten zwei Mannschaften auf demselben Niveau mit Zug zum Tor. Für die Frankfurter ergaben sich zwar nicht so viele Torchancen wie für die Duisburger, doch diese wenigen Chancen nutzten sie. Die 2:1-Führung erzielte Sascha Mölders nach einem schnellen Angriff über die rechte Seite mit anschließender scharfer Hereingabe.
Diese Flanke war ebenso sehenswert wie die von Julian Koch auf Stefan Maierhofer vor dem 1:0-Führungstor des MSV Duisburg. Solche scharf geschnittenen Flanken vor das Tor in den freien Raum bringen jede Innenverteidigung in höchste Bedrängnis, wenn in einer Mannschaft solche Strafraumstürmer wie Stefan Maierhofer spielen oder eben der gegenüber seinen Duisburger Zeiten enorm verbesserte Sascha Mölders.
Angesichts der Passsicherheit der Frankfurter war es klar, der Versuch des MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit den Ausgleich zu erzielen barg ein hohes Risiko. Zudem wurde es schwierig, weil sich der FSV Frankfurt in dieser zweiten Halbzeit etwas zurückzog. Doch selbst diese eng stehende Abwehrwand konnte vom MSV Duisburg immer wieder überspielt werden. Es gab Chancen zum Ausgleich, und die Chancenverwertung ist auch der einzige Stachel in meinem optimistischen Fleische. Das haben wir ja nicht das erste Mal gesehen, dass der MSV Duisburg sehr gute Chancen auf ein Tor auslässt. Die Mannschaft muss sich mehr erarbeiten als nötig. Das macht sie mit großem Einsatz, und manchmal gibt es dann Tage, an denen selbst dieser Einsatz nicht ausreicht. Dann steht an diesem Tag nicht nur ein überragender Torwart wie Patric Klandt im Tor, sondern es fehlt zudem zu oft die Präzision beim Abschluss. Weil es so viele Chancen gab, hält sich auch die Aufregung in Grenzen um das Foul an Olcay Sahan im Strafraum. Der nicht gegebene Elfmeter wirkt ein wenig wie eine weitere knapp vergebene Chance. Ich hatte zudem den Eindruck, das Spiel des MSV Duisburg entging gerade eben der Gefahr, den hohen Ball auf Stefan Maierhofer zu häufig zu spielen. Es fällt natürlich schwer, das Angriffsspiel gegen einen tief stehenden Gegner zu variieren, wenn das Anspiel auf Stefan Maierhofers wegen seiner Größe immer eine vorläufige Möglichkeit darstellt. Milan Sasic wird seine Mannschaft an die anderen Lösungen immer wieder erinnern müssen.
Das Spiel erinnerte daran, diese Mannschaft des MSV Duisburg befindet sich in der Entwicklung und Entwicklung ist kein linearer Prozess. Entwicklung ist eine gerichtete Wellenbewegung. Im Neuen findet sich immer wieder auch Erinnerung an das Alte. Olcay Sahan etwa, der letzte Woche noch platziert schießen konnte, findet dieses Mal bei seinen Hereingaben von der Strafraumgrenze aus nicht mehr als die alte Unentschiedenheit zwischen Flanke und Schuss, die keinem Torwart ein Problem bereitet. Oder Bruno Soares schien sich immer unsicherer beim Passspiel zu werden, so dass er zu oft den Befreiungsschlag vorzog. Oder Stefan Maierhofers Größe als Fixpunkt in den Köpfen seiner Mitspieler, was dazu verführte ihn nurmehr als Kopfballspieler anzusehen. All das sind mögliche Haken für die Pessimisten. Wäre das zweite Tor für den MSV Duisburg gefallen, bliebe all das unerwähnt.
Für mich als Optimisten gibt es einen großen Unterschied zu den letzten Jahren, wenn solche weniger erfolgsversprechenden Momente im Spiel erkennbar sind. Die Spieler des des MSV Duisburg tragen ein Bild in sich, wie sie jeder als Teil der Mannschaft besser spielen können. Jeder Spieler besitzt das Wissen, er kann es auch anders. Das macht es Milan Sasic leichter, das Ziel Entwicklung des spielerischen Vermögens in der Mannschaft lebendig zu halten.
Eine Anmerkung noch an die Adresse der Reviersport-Redaktion: auch beim Formulieren von Überschriften sollte es die journalistische Grundregel sein, möglichst solche Worte zu nutzen, die die Wirklichkeit genau beschreiben. Das gebietet das journalistische Ethos, weil Leser sich auch mit der Lektüre von Überschriften ihre Meinung bilden. „Aussicht auf Platz eins lähmt die Zebras“ steht über dem Spielbericht der RevierSport. Diese Aussage beschreibt weder das Spielgeschehen noch stellt sie ein Kondensat des darunter stehenden Artikels dar. Diese Überschrift ist nicht mehr als ein Klischee, das in diesem Falle leider nicht zutrifft. Es kann ja sein, dass in der RevierSport unter Zeitdruck gearbeitet wird. Wenn man es aber nicht genau weiß, was da geschehen ist und keine Zeit hat, den Artikel zu lesen, dann sollte man lieber neutral formulieren. Nur dann wird auch ein Flüchtig-Leser der RevierSport sich ein treffendes Bild vom Geschehen machen können.
Bis zum morgigen Dienstag empfehle ich nun die moderne Variante der Trost- und Erbauungslyrik, den Pop-Song. Zur Aufarbeitung von vielleicht noch vorhandener Enttäuschung bietet sich Pohlmann an. Danach darf´s dann gerade in der Umkleidekabine der Mannschaft auch wieder etwas pushender werden.



